Der Schüler bestimmt das Tempo

Dem Kursleiter, der vor einer neuen Gruppe steht, die dazu noch unterschiedlich bezüglich der Teilnahme als Reiter oder als Fußgänger ist, sollte etwas Zeit zugestanden werden, um zu sehen, wo der Bedarf liegt. In meinen Augen hat Walter Tschaikowski das gut eingeteilt, da er kaum Informationen über die Gruppe hatte, was erwartet wurde und wer schon mit der Alexandertechnik vertraut war. Das waren nämlich nur die Gastgeberin und ich, die vorher schon den Kurs mit Sarah Rob gemacht hatten! Um es mal in einem von mir so gern benutzten Bild auszudrücken: Wer das Einmaleins nicht kann, wird Probleme haben, Gleichungen mit zwei Unbekannten zu berechnen! Niemand steigt doch ohne Kenntnisse über das Fliegen in ein Flugzeug und startet? So sollte es doch auch beim Reiten sein.

Der Regen und die Tatsache, dass wir keine Halle hatten, haben verhindert, dass der Teil auf dem Pferd und im Sattel mehr Gewicht bekam. Das Wetter war allerdings schwer zu beeinflussen und wer die Alexandertechnik in sein Leben integriert, lernt auch, mit den Gegebenheiten und Umständen gut ins Gleichgewicht zu kommen und ausbalanciert auf sein Umfeld zu reagieren. Für mich gerade durch die Vorbereitungszeit für solche Kurse mit fremden Kursleitern auf fremden Anlagen eine ganz wichtige Erkenntnis!

An dieser Stelle mein Dank an Neeltje für die Hilfe bei der Vorbereitung und die Bereitwilligkeit, ihre Mühle in Malstedt für den Kurs zur Verfügung zu stellen. Ein herrlicher Ort! Gern würde ich dort bei Sonnenschein noch mal einen eigenen Kurs für sie und ihre Reiter machen!

Nach dem ausführlichen theoretischen Teil, bei dem sicher die Fußgänger mit wenig Interesse am Reiten nicht so ganz auf ihre Kosten gekommen sein mögen - es war auch eine Einheit dabei mit Holzpferd und Sattel, während die Fußgänger mit Problemzonen auf eine Bank gelegt wurden – ging es hinaus in den Regen unter ein Schleppdach. Hier bekamen die Pferde ihre erste Übungseinheit aus Atmen und viel Aufmerksamkeit durch den Kursleiter und die Zuschauer. Dabei wurde für mich deutlich, wer sich schon zu Hause viel mit dem Pferd beschäftigt.

Bemerkenswert fand ich persönlich, dass selbst anfangs zappelig wirkende Pferde sofort auf den Kursleiter reagiert haben und ruhig wurden. Das geht mir bei meiner Arbeit mit Pferden oft so. Ich habe das bei Philippe Karl schon beobachtet. Hier kommt die Ausstrahlung des Menschen zur Geltung. Atmen ist so wichtig und sollte Bestandteil von Reitunterricht werden! Einige Pferde sahen regelrecht erstaunt aus, dass es möglich ist, dass ihr Mensch sie berührt, ohne dass er putzen will oder gleich einen Sattel auflegt und reiten möchte!

Weil dieser Teil des Kurses so ausführlich wurde, blieb am Ende nur wenig Zeit für die Reiter mit Pferd. So ein Kurs kann nur ein Anfang sein und eine Aufforderung darstellen, weiter an sich zu arbeiten. Eine Reiterin bekam bei der Praxis besonders viel Aufmerksamkeit, weil das eben nötig war. Sicher zu Lasten anderer. Das aber zeichnet einen Kurs aus und gibt der Gruppe ein Gefühl der Zusammengehörigkeit: Zurückstecken, weil ein anderer Teilnehmer oder sein Pferd besondere Zuwendung brauchen. Das hat der Kursleiter erkannt.

Seine Arbeit im Kurs ist etwas anders als die von Sarah Rob, für mich jedoch sehr hilfreich, weil ich bei meiner Arbeit häufig viel stehen muss und manchmal noch eine schwere Kameraausrüstung trage! Deshalb werde ich ganz gewiss zu Walter Tschaikowski fahren und dort weiter lernen. Ob mit unseren Pferden oder auf einem seiner Lehrpferde ist relativ unwichtig. Hauptsache dran bleiben. Ich freue mich jedenfalls auf einen neuen Kurs mit ihm!

"Hacken tief" hat ausgedient

Das Kommando "Hacken tief" hat wohl jeder Reitschüler schon mal gehört – nicht selten im Kasernenhofton quer durch die Reithalle gebrüllt. Doch auch wenn die Anweisung in aller Ruhe ständig wiederholt wird: Richtig helfen kann sie dem Schüler nicht. Für Walter Tschaikowski ist das Hochziehen der Absätze – einer der häufigsten Sitzfehler bei Reitern – eine fast logische Folge aus einer Körperhaltung, die auch fernab des Sattels besteht.

"Hier zeigt sich eine zur Gewohnheit gewordene Verkürzung der gesamten Körperstatur, sodass die natürliche Aufrichtung verloren geht", sagt der Lehrer und Ausbilder für Alexander-Technik. Schon der wichtigste Grund für dieses körperliche Zusammenziehen – die Auseinandersetzung mit Stresssituationen – macht deutlich, wie widersinnig eine Korrektur des Reitschülers mittels eines gebrüllten "Hacken tief"-Kommandos ist: Der Reiter gerät nur noch mehr unter Stress.

Problematisch ist dies deshalb, da eine angespannte Körperhaltung die freie Atmung behindert, den Reiter nicht ausbalanciert sitzen lässt und die Wahrnehmung beeinträchtigt, sodass der Fehler oft nicht einmal selbst bemerkt wird. "Das körperliche Zusammenziehen hat sich so automatisiert, dass ein herkömmliches Gegensteuern wie das bewusste Strecken des Beines bei entsprechendem Kommando keine dauerhafte Wirkung zeigt oder sogar zu noch mehr Stress führt", so Tschaikowski – der als Alternative ganz auf die Grundsätze der Alexander-Technik baut.

"Zunächst ist wichtig, dass vor der Korrektur des eigentlichen Fehlers die zugrunde liegende übermäßige Körperspannung losgelassen wird", führt Tschaikowski aus. Dies wiederum setzt voraus, dass der Reiter lernt, seine hinderlichen Gewohnheiten bewusst wahrzunehmen. Erst dann kann er die festgefahrenen Impulse unterbrechen. "Das Loslassen des Zusammenziehens ist bereits der Richtungswechsel!", so Tschaikowski. Denn allein dadurch, dass der Reiter zum Beispiel immer wieder gedanklich das Lösen der Überspannung in den Hüftgelenken erneuert, erfährt er, wie das damit verbundene Lösen der Beine vom Rumpf seine gesamte Aufrichtung stabilisiert.

"Damit nicht in dem Moment, wenn die Aufmerksamkeit wieder auf etwas anderes gelenkt wird, die alte, unbewusste Haltung wieder eingenommen wird, müssen wir durch einen Lernprozess in der neuen Steuerung ankommen und sozusagen heimisch werden – das schaffen wir durch eine vertiefte Atmung, eine veränderte Außenwahrnehmung, die mächtige Kraft konstruktiver Gedanken und einfach Übung", ist Tschaikowski überzeugt. Speziell für Reiter hat er auf der Grundlage der Alexander- Technik ein Bewegungstraining entwickelt, das leicht in den Alltag integriert werden kann.

Die körperliche Losgelassenheit, Balance und Stabilität, die sich auf dieser Basis im Sattel entwickeln, wirken auch in andere Lebensbereiche hinein, haben positiven Einfluss auf unsere Gedanken und unser Selbstvertrauen. "Eine sehr sinnvolle Übung für den Anfang ist der Spannungsausgleich im Stehen", sagt Walter Tschaikowski. Übermäßige Verspannungen im Bereich der Lendenwirbelsäule, die in Form eines Hohlkreuzes häufig vorkommen und gerade beim Reiten sehr hinderlich sind, können so gelöst werden.