Zu früh – zu viel

Hannoveraner Stute von Landor S / Davignon: Ein züchterisch gewagter Schritt ist klassisches Dressurblut mit dem Oldenburger Hengst der Station Gerd Sosath kombiniert, Blut auf Holsteiner Basis. Erfahrene Züchter kennen zwei Wege, züchten Spezialisten streng innerhalb der gewünschten Disziplin (Dressur, Springen oder Blutpferde für Vielseitigkeit). Oder eventuelle Mängel der Mutterstute im Exterieur / Psyche (Interieur) mit dem Vatertier ausgleichen, in der Hoffnung, dass der Versuch gelingen möge. Bei Lava, wie sie inzwischen heißt, hat das weniger gut funktioniert. Die extrem weiche Fesselung des Muttervaters hat sich stark vererbt, dazu kommt ein Temperament von der Vaterseite, das die Stute bei zu starker Belastung leicht explodieren lässt. Daher passt der neue Name Lava ausgezeichnet. Sie wurde dreijährig nach der Verletzung vermutlich durch einen Schlag ausgemustert und als unbrauchbar abgestempelt.

Bei der ersten Begegnung mit Lava steht die Stute zum Verkauf. Sie hat ein Fohlen bekommen, weil sie dreijährig nach einer Schlagverletzung von zwei Tierärzten als unbrauchbar bezeichnet wurde. Der Versuch, die Stute der Züchterin zurück zu geben und das bei Gericht einzuklagen, war gescheitert. Inzwischen ist Lava sechs und die Verletzung wurde nicht behandelt, es hat sich tatsächlich der Ansatz zur Schale im linken Hinterbein, zwischen Kron- und Fesselgelenk gebildet. Bei der Vormusterung lahmt die Stute nicht, eine Verdickung am Hinterbein ist leicht zu sehen, sieht aber nicht so dramatisch aus, dass sie – wie in der Verkaufsanzeige angekündigt – nur bedingt einsetzbar sei. Vermutlich hat das zusätzliche Gewicht des Fohlens ihr nicht wirklich geschadet, sondern einen Heilungsprozess in die Wege geleitet. Solche „Wunder“ soll es ja geben.

Bei der ersten Anamnese fällt zuerst der schlechte Zustand der Hufe auf. Die Stute läuft nicht auf dem Tragrand, der überall ausgebrochen ist, sondern auf der Sohle, und sie hat bröselige Hornqualität. Wobei die Bezeichnung Qualität ein Witz ist. Die Hufbearbeitung trägt die Handschrift eines in der Region bekannten Schmiedes, der das Pferd allerdings nicht sehr oft bearbeitet haben kann. Bevor das Pferd verladen wird und zu uns kommt, werden die Hufe von unserer Huforthopädin das erste Mal begutachtet und bearbeitet. Ihre Expertise wird mit Fotos untermalt: vorher und nach der Bearbeitung, um das erste Ergebnis zu dokumentieren. Die Schätzung: es kann ein Jahr dauern, bis die „Kotflügel“ ausbleiben und die Hufe in physiologischer Form das Gewicht so tragen können, dass keine weiteren Schäden entstehen. Leider ist die Besitzerin nicht bereit, dieses Risiko zu tragen und vor allem zu finanzieren.

Da bei uns gerade ein Platz frei ist und sich die Stute nach den ersten zwei Tagen Anlaufzeit gut in die Herde eingliedern lässt, wächst der Wunsch, Lava hier ein neues Zuhause zu geben. Zähe Verhandlungen um den Kaufpreis verzögern die Sache und Zweifel, ob die Gutachten der Tierärzte wirklich eine Unbrauchbarkeit rechtfertigen, beschleunigen die Kaufentscheidung doch wieder. Im November gehört das Pferd mir, bis dahin habe ich riskant alle Kosten getragen, die entstanden sind. Deshalb rate ich jedem, der in eine ähnliche Situation kommt: Schlachtpreis bieten, keinen Cent mehr, denn sonst wird das Verhalten der Vorbesitzerin noch belohnt!

Der positive Aspekt des stationären Aufenthalts von Lava bei uns klingt im ersten Moment etwas fragwürdig: Die Halbschwester zu Lava gehört meinem Partner, lässt allerdings zu Anfang keine Geschwisterliebe erkennen und jagt, zusammen mit dem Pony, die neue Stute über das Gelände. Die erste Zeit hatte Lava in Gesellschaft des Seniors verbracht, der, wie meine beiden eigenen Pferde, sehr sozial eingestellt ist und friedlich jeden Neuankömmling in die Herde begleitet. Grizou ist 27! Fazit der Treibjagd: die Stute lahmt keinen Moment und springt in vorbildlicher Manier über kleine Gräben auf dem „Abenteuerspielplatz“, der Reitbahn am Offenstallgelände. „Wenn sie das aushält, kann die Schale nicht so schlimm sein“, denke ich mir und mache der Besitzerin ein Kaufangebot. Nein, ich „sammele“ keine Pferde…

Die Reihenfolge in der Therapie ergibt sich aus der Anamnese mit Tierarzt (Röntgen) und Tierheilpraktikerin, dem Urteil der Osteotherapeutin und der Expertise über den Arbeitsweg der Huforthopädin. Wobei sich häufig schwierig gestaltet, alle an einem Termin ans Pferd zu bekommen! Zielsetzung ist zuerst: Hufbearbeitung. Zeitgleich ist der Beckenschiefstand ein Thema: Ist er angeboren, beim zu frühen Anreiten und zu hoher Belastung bei der Stutenprüfung entstanden oder durch die Lahmheit? Durch die ständige Schonhaltung und zusätzlich das Gewicht des Fohlens? Zwischendurch wurde das Pferd auch noch ohne Training geritten, mit einem Springsattel, der nicht für sie, sondern das Pferd davor oder sogar davor gekauft war! Bei der Wahl des entsprechenden, passenden homöopathischen Mittels ist die Causa wichtig und von großer Bedeutung für die Mittelwahl.

Bis sich Lava überhaupt von der Osteo oder der Tierheilpraktikerin anfassen lässt, vergehen Monate. Ein Zeichen, dass die Stute nicht gerade liebevoll verwöhnt wurde bisher. Oder dafür, dass sie gar nicht einsieht, dass eine Therapie nötig ist, weil sie die Schmerzen längst gewöhnt war? Akupunktur ist nicht möglich, weil sich die Stute energisch tretend dagegen wehrt, also muss die APM Therapeutin ran (APM ist die AkuPunkt Massage nach Penzel). Bei der ersten „Sitzung“ ist Lava auf Konfrontation aus und entspannt sich erst, als sie nach fast einer Stunde merkt, was ihr gut tut. Danach scheint sie richtig dankbar zu sein. Die APM wird in den Monaten September bis Januar wiederholt. In der Zwischenzeit wird Lava von mir behandelt wie eine dreijährige, die angeritten werden soll. Deutlich ist zu sehen, dass die Muskulatur der Hinterhand völlig unterentwickelt ist. Lava zieht die Beine nach, als gehörte dieser Körperteil nicht wirklich zu ihr. Das Grundproblem ist ein orthopädisches (ISG), es kommt von oben aus dem Becken, das zeigt auch die Zehe der Hinterbeine an.

Ein Pferd, das Schmerzen hat, zu reiten, ist sicher nicht der beste Weg, um einen Schritt auf dem Heilungsweg voran zu kommen, deshalb wird Lava ohne Gewicht an der Hand animiert, bergauf und bergab ihr Gleichgewicht zu finden, über Stangen im Schritt zu lernen , dass sie noch zwei weitere Beine hat, die sie einsetzen soll, und sie geht nur auf großen, geraden Linien, keine Wendungen und Biegungen. Diese Arbeit belohnt Lava mit schönem Trab und Galopp beim „Freigang“ in der Herde, was besondere Vorteile bietet, da sich die Stute so bewegen kann, wie sie will. Vorher hat sie die typische Haltung in einem bekannten Stall genossen: Box mit Weidegang im Sommer, wenn überhaupt. Inzwischen springt sie auf den Großen Wall und scheut sich auch nicht, die Steilwand herunter zu hüpfen, wobei mir manchmal schon etwas mulmig wird, wenn ich das sehe. Deutlich ist zu erkennen, dass sie bergauf noch keine tragende Muskulatur entwickelt hat: sie springt in zwei Phasen bergauf.

„Das dynamische Gleichgewicht des Reitpferdes, bei dem das Heben des Halses und die Belastung der Hanken im Einklang stehen, kann so nicht zustande kommen. Bei Pferden, die länger in dieser unnatürlichen Haltung geritten werden, verschwinden die Hanken aus dem Bewusstsein. Solchen Pferden ist nicht mehr gegenwärtig, dass sie Hanken haben, die schwingen, die Last aufnehmen und die Bewegung des Körpers in alle Richtung konsolidieren können. Sie können das reiterliche Gleichgewicht nicht herstellen und werden nach und nach wie zu primitiven Maschinen, die sich nur in eine Richtung bewegen können. Bei Belastung explodieren sie.“ *