Ein Hauch von Hawaii

„Aloha“. Der Gruß der Hawaiianer ist kurz, aber tiefgründig, denn für viele Worte gibt es unterschiedliche Bedeutungen. Aloha bedeutet Hallo, es steht aber auch für die Begriffe Liebe, Wohlgefühl und alles, was Pferde verkörpern. Die Huna-Lehre basiert auf sieben Grundsätzen, die zu Gelassenheit, also zur Losgelassenheit führen. So gilt die Skala der Ausbildung nicht nur für das Pferd: Ein Hauch von Hawaii auf dem Weg zur Heilung, auf dem oder am Pferd, im Sattel, „barfuß auf dem Pferderücken“ und am Boden, geerdet auf beiden Beinen. Huna und Reiten, das passt. Der Insulaner braucht nicht viele Worte, aber sonst sind die Bewohner Polynesiens für ihre Üppigkeit bekannt. Was besonders Reiterinnen freuen dürfte, die ständig an ihren Pfunden mäkeln, weil sie keins davon im Sattel verstecken können.

Huna, die Heilkunst von Hawaii, ist beim Reiten eine große Hilfe, vermittelt es doch die Weisheiten von Hu, der männlichen Energie, und Na, der weiblichen, in einem Wort = Huna. Reiten ist heute mehr als Dressur im Viereck, Springen im Parcours oder beherzter Galopp durch das Gelände. Pferde sind Heiler und ihnen kommt immer mehr die Bedeutung eines Begleiters auf dem Heilungsweg für Menschen zu. Ihre Energie ist ansteckend, ihr Sanftmut tröstend, das Image ist absolut positiv besetzt. Menschen suchen immer häufiger selbst nach Lösungen, statt zu Ärzten oder zum Psychologen zu gehen. Das Gesundheitssystem erfordert diese Eigenverantwortung, immer mehr.

Karola Bady, Redakteurin, die inzwischen Verhaltensberatung für Equiden im Norden Niedersachsens anbietet: „Huna beim Umgang mit Pferden einzusetzen, darauf sprang mein Herz sofort an“. Zu einer ersten Gartenmeditation lud „Frau Freud für Pferde“ schon bald nach Oldendorf bei Stade Freunde und Kunden ein, die Pferdeherde im Hintergrund, als interessierte Zaungäste. „Es goss den ganzen Tag ohne Unterlass“, erinnert sich Karola Bady an den ersten Versuch, Huna im ländlichen Raum vorzustellen. Aber wo Regen ist, kommt manchmal ein Regenbogen und der ist auf Hawaii ein Symbol für Glück.

Mit dem Eintreffen der Kahuna, Heilpraktikerin und Huna-Lehrerin aus Hamburg, klärt sich der Himmel und gibt den Blick auf einen Regenbogen frei, der gleich doppelt erscheint: Zwei Frauen, ein Regenbogen, doppeltes Glück. „Spiritualität ist eine äußerst bodenständige Angelegenheit und ich darf sagen, auch eine äußerst humorvolle“, erklärt die Kahuna ihre Arbeit. Da darf neben den großen, tiefen Gefühlen auch einmal gelacht werden. Das wäre beim Reiten doch auch hilfreich? Zehn Gäste, zehn Sorgen. Für jeden von ihnen finden sich passende Übungen. Karola Bady: „Huna hat mir zu verinnerlichen geholfen, dass wir uns zu viele Gedanken machen! Manchmal auch zu wenige, wenn wir zu unsensibel sind“.

Die Kahuna sitzt da, sie wirkt müde, und erzählt von ihrem Leben, von ihrer Kehrtwendung, die ausgerechnet auf Hawaii eingeleitet wurde, als sie Kahunas, die spirituellen Heiler, traf. Dabei kann Heilung überall passieren, auch auf einem Stuhl im Garten in Niedersachsen! „Sie sitzt da also und bekommt während ihrer Erzählungen rote Bäckchen, eine frische Haut und leuchtende Augen“, erzählt Karola Bady, „so wie ich in dem Moment, wenn ich mit einem Pferd zu arbeiten beginne“. Kein Huna – Zirkel, wie die Treffen genannt werden, gleicht dem nächsten, weil Kahunas einer Führung unterliegen, die keinem strengen Rezept folgt! „Das ist bei vielen Kursen, die ich gebe, genauso“, bemerkt Karola Bady, „da sprengen Pferde immer den Rahmen, weil gerade andere Maßnahmen nötiger sind, als das ursprünglich geplante, pure Üben von Lektionen“. Die Kahuna hat ein Gespür dafür, dass die meisten am ersten Abend sehr verspannt sind. Also hat sie statt der üblichen Einführung, die Leitideen von Huna zu erläutern, einen „Massagezug“ vorgeschlagen: alle in die Mitte und die Hände auf den Schultern des anderen, kleine Massage! Symbolisch, dass irgendwie das Bedürfnis da ist, mit dem Zug einige Schritte voran zu kommen, nicht nur im Stehen zu massieren.

Ein Omen dafür, dass alle Fortschritte wollen? So wirkt Huna gleichzeitig auf allen Ebenen: auf Körper, Seele und Geist. Der Abend löst ein Gruppengefühl aus unter völlig Fremden. Huna bietet eine gute Mischung von Erklärungen und praktischen Beispielen, die sofort umsetzbar sind. Alltagstauglich also. Die geführten Meditationen sind so angenehm, dass alle behütet auf einem Stuhl sitzen und auf Gedankenreisen gehen, die jedem zeigen, an welchem Thema gerade gearbeitet und was gelöst werden will. „Bei mir kam eins, das ich überhaupt nicht erwartet hatte“, gesteht Karola Bady, „es erklärt mir, warum ich so lange an meinem Heimatort festgehalten habe. Diese Anhaftung ist jetzt gelöst! Ich fühle mich so frei und motiviert, das wirkt sich auf meinen ganzen Körper aus! Ich sitze im Galopp das erste Mal ohne Sattel nach einem Wadenbeinbruch locker und entspannt“.

Die Nachbarin, die sich spontan zum Mitkommen entschließen konnte, hat Dinge zu verarbeiten, die sich immer wieder in ihr Leben schleichen, weil sie nicht gelöst wurden. Ihr Mann hatte ihr noch eine Tüte Kekse in die Hand gedrückt, diese Lebkuchen mit den Buchstaben, und dabei ein Grinsen im Gesicht, weil er von „solchem Zauber nichts hält“. Die Kahuna lässt sich nicht provozieren und baut die Kekse ein: „Jeder zieht einen und verbindet mit dem Buchstaben ein Wort“. Bei Sabine kommt ein J. Sie spekuliert: Als Hunde- und Katzenhalterin hat sie ein Problem mit dem Nachbarn, der ist Jäger. „Das will ich nicht“, wehrt sie ab. „Zieh einen anderen“, rät die Gruppe.

Beim Huna gibt es keine Ausreden: Sabine zieht wieder ein J! Sie kann sich vor ihrer Aufgabe nicht drücken, wenn sie eine Lösung für ihre Probleme möchte. Jeder bekommt den Buchstaben, der ihn auf die Idee bringt, was gerade an der Reihe ist: Der eine sieht seine mangelnde Toleranz, der nächste die Probleme, die fest unter der Oberfläche der ganzen Familie betoniert sind. Wie passend! Er hat eine Firma für Estricharbeiten!

Christian und Birgitta erkennen, dass sie endlich ihre beruflichen Pläne realisieren und sich selbstständig machen sollen. „Das hatte ich mich noch nicht getraut“, gesteht Christian, er klingt jetzt entschlossen. Durchgehend ganz sanfte Hinweise mit starker Wirkung. Die Entspannung überträgt sich sofort auf die Pferde. „Bei vielen konntest Du schon am Gesicht sehen, wie gelöst sie waren, die Augen leuchtend, einfach nur schön“, freut sich Karola Bady.

Die Kahuna stimmt mit kräftiger Stimme ein Lied an, das Gänsehaut verursacht. Die Wörter klingen fremd, aber angenehm und harmonisch. Alle sind am Ende miteinander verbunden, als Gruppe, die in dieser Zusammensetzung vielleicht nie wieder zusammen findet. Alle stehen am Schluss noch im Kreis, Hand in Hand, die Augen geschlossen, und jedem kommt ein Wunsch von den Lippen, was dieser Garten braucht, um eine angenehme Atmosphäre und eine gute Zukunft zu haben. „Pau“, rufen alle gemeinsam mit einem Schritt nach vorn in den Kreis, der Arm folgt und die Hände finden sich zu einem „Turm“. Pau. Das heißt: Fertig.