Eisen lösen keine Probleme

Versicherungen haben Interesse an Statistiken und die belegen, dass mehr als 80 Prozent der Ursachen, die zur Unbrauchbarkeit von Pferden führen, die Schäden am Bewegungsapparat sind! Was alles von den Hufen abhängt, die als die „vier Herzen des Pferdes“ bezeichnet werden, wissen die Pferdebesitzer leider zu selten. Lahmt das Pferd, rufen sie den Tierarzt, der hat im Studium aber nichts über Huforthopädie gelernt. Also kommt der Schmied und nagelt Eisen auf. Das kann keine Heilung bringen, wie der Vortrag von Dr. Hiltrud Strasser im Industrieclub in Düsseldorf beweisen konnte. Leider hat sich von den eingeladenen Tierärzten, Tierkliniken und den Tierärztekammern niemand durchringen können, den Vortrag zu besuchen, warum auch immer. Absolutes Muss auf dem Heilungsweg ist nicht allein die Umstellung der Hufe, sondern optimale Fütterung und entsprechende Haltung für Pferde!

Christoph Gehrmann von der Hufklinik Eifel sagt dazu: „Der Wunsch, eine artgerechte Pferdehaltung einzurichten, hängt nicht allein vom großen Terrain ab, sondern vielmehr davon, wie ausgeklügelt das ist“. Die Bewegung ist für das Fernwanderwild der Schlüssel zur Gesundheit. Das Herz ist im Verhältnis zum Körper klein, das Blut wird also mit der Bewegung durch die vier Hufe gepumpt: Jeder Schritt bewegt pro Huf ein Schnapsglas Flüssigkeit, so lehrt es Hiltrud Strasser: Aber eben nur über Bewegung und den entsprechenden Hufmechanismus, der nicht durch Eisen unterdrückt werden darf. Für diese Thesen wartet Hiltrud Strasser mit genügend Material im Vortrag und mit jeder Menge Fallballspiele auf: Der Fähigkeit, die Hufe elastisch zu dehnen und den Druck vom Körper möglichst gut zu verteilen, kommt dabei große Bedeutung zu! Gesundes Horn, ein starker Tragrand und der Strahl als Stoßdämpfer leisten den Beitrag, den Huf von unten zu schützen und auf jedem Geläuf gehen zu können. Voraussetzung dafür ist Training auf den entsprechenden Böden, am besten ist der Auslauf diesem Untergrund angepasst. Pferde, die nur allein weichen Boden (Weidegang) haben, können das nicht leisten! Boxenpferde erst recht nicht.

Das Argument „Mein Pferd kann ohne Eisen aber nicht laufen“ ist nur in einem Punkt richtig: wenn es Eisen hatte! Dann ziehen sich die Nerven und Blutbahnen aus dem Huf zurück, das Gewebe ist wenig durchblutet und der Huf fällt als Tastorgan aus! „Das ist ähnlich wie eingeschlafene Füße“, argumentiert Dr. Hiltrud Strasser, die als Tierärztin mit einem Studium der Huforthopädie ihr Leben der Forschung dieses Phänomens gewidmet hat. Stolpern und unsicherer Gang sind nur Symptome, die zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist! Kommt das Leben nach Abnahme der Eisen zurück, wird das Pferd natürlich zuerst fühlig laufen. Der Heilungsprozess braucht eben seine Zeit.

Pferdebesitzer müssen mit drei bis zu zwölf Monaten und mehr rechnen, bis ihr Pferd wieder voll einsetzbar ist, das ist die Zeit, bis sich das Horn der Hufkapsel erholt hat und einmal komplett herunter wächst. Vermutlich ist diese Zeitspanne auch der Grund, dass sich Reiter, Besitzer und Züchter überwinden müssen ihr „Problempferd“ in die Hufklinik zu bringen, da hier die Heilung organisch angestoßen wird. Im Vergleich zur Unbrauchbarkeit des Pferdes, zu Schmerzen und Leid, die vorher durch falsche Stellung oder Beschlag verursacht wurden, durch zu wenig Bewegung, zu viel Futter und Boxenhaltung, ist dieser Zeitraum jedoch zumutbar, für die Vertreter der „Barhuf- Fraktion“ sogar die einzige Lösung! Allerdings muss der Pferdehalter damit rechnen, dass der Heilungsprozess nicht ganz ohne Sorgen verläuft.

Geschwüre, die aus der Hornkapsel hinaus wollen, werden nicht vom Laufen mit Barhuf verursacht! „Das Laufen auf kranken Hufen kann immer mal wieder weh tun“, berichten Strasser und Gehrmann, die Hufnägel sind vermutlich Schuld am Zugang für Bakterien und Viren, für Entzündungen. Besonders schlimm wirken sich Stellungsfehler auf die Blutzufuhr aus: Die Adern und Venen im Hufgelenk knicken ab, verminderte Durchblutung verhindert die Ausleitung von Stoffen über die Hufe, die einem gesunden Organismus abträglich sind. Hufprobleme wirken sich auf den gesamten Organismus aus, auf den Stoffwechsel und die Leistungsfähigkeit.

Mit einem Strahlbein als Exponat überzeugte Dr. Strasser ihre Zuhörer im Industrieclub, wie dringend Huforthopädie wieder als Lehrfach an die Unis gehören würde: „Tierärzte sagen gern bei der Auswertung der Röntgenbilder, dieses Strahlbein sei durchlöchert, kaputt“. Dabei handelt es sich bei den Löchern, die zu sehen sind, um die Kanäle der Blutzufuhr! Die Misere, die zur Spaltung in Schmiedehandwerk und Barhufarbeit geführt hat, ist für Dr. Strasser leicht zu erklären: Fast alle Lehrbücher und Lehrtafeln, auch bei der FN, beziehen sich nach ihrer Erfahrung auf Abbildungen von kranken Hufen: „Gesunde Pferde werden ja nicht als Beispiel genommen“. Das Bild einer Fehlstellung setzt sich so aber in den Köpfen von Studenten, Tierärzten und Pferdehaltern fest als Normalbild. Fotos von gesunden Hufen mit bodenparallelem Hufbein sind Mangelware in der Literatur der Lehranstalten!

Dazu sind die Zucht, Aufzucht und das Anreiten von Pferden auf einem Weg, der Krankheiten am Bewegungsapparat den Boden bereitet: Zu früh, zu viel, mit Eisen. Wie viele Pferde sehen während der Aufzucht den Hufbearbeiter nur halbjährig? Karola Bady Kommentar: Möglich, dass der bloße Name Strasser viele Zuhörer gehindert hat, den Vortrag zu besuchen. In Düsseldorf setzte sich das Auditorium aus Mitgliedern der Redaktion und Produktion von Zeit für Pferde zusammen, Studenten des Europäischen Institutes für Pferdephysiologie, Reitern und Besitzern mit Problempferden, einer einzigen Tierheilpraktikerin und zwei Therapeuten aus dem Bereich Verhaltenskunde! Im Bemühen, ihre Strategien mehr Menschen näher zu bringen, hat Dr. Strasser im Kampf für ihre Sache wohl auch verbrannte Erde hinterlassen. Durchaus verständlich bei der Misere um Pferdebeine und das Leid, das ihr immer wieder begegnet in über 40 Jahren des Einsatzes für die Tiere!

Eine Besucherin regte daher an, zukünftige Veranstaltungen doch gemeinsam mit allen aus dem Bereich Barhufe zu organisieren. Zu schwierig? Im Kampf gegen das drohende Berufsverbot und das inzwischen vom Verfassungsgericht gekippte Gesetz zur Regelung des Hufbeschlags haben diese Organisationen schon an einen Tisch gefunden und den größtmöglichen, gemeinsamen Nenner ihrer Arbeit ermittelt. Trotzdem rührt jeder inzwischen aus Konkurrenzdenken vor sich hin und verschläft damit die Chance, der Sache insgesamt den Dienst zu erweisen!

Bleibt die Frage, warum bisher niemand beim Gedanken an eine Lösung für die Zunahme der Beinprobleme bei Sport- und Freizeitpferden daran gedacht hat, Huforthopädie in den Lehrplan wieder aufzunehmen und jemandem wie Dr. Strasser den längst überfälligen Lehrstuhl anzubieten! Warum nutzen so wenige Tierärzte, keine Klinik und keine Universität das Wissen dieser Frau, die ihr Leben in den Dienst der Forschung gestellt hat, gleichzeitig aber noch die Energie aufbringt, hoffnungslose Fälle zu nehmen und die Pferde im wahrsten Sinn des Wortes wieder auf die Beine zu bekommen? Nicht gewollt? Ist das Geschäft mit kranken Beinen der Pferde zu gewinnträchtig? Oder liegt es auch daran, dass es für eine Fortbildung bei Dr. Strasser keine Punkte für Tierärzte bei ihrer Kammer gibt?

Es gibt viel zu tun, um auf verbrannter Erde wieder etwas zum Wachsen zu bringen. Vorurteile tragen dazu wenig bei, hier ist dringend Aufklärung nötig, warum das „System Strasser“ bis vor Kurzer Zeit als zu radikal gilt. Zu diesem Vorwurf äußert sich Dr. Strasser persönlich: „Im Übrigen ist die Ursache für dieses Gerede, dass wir vorwiegend >>aufgegebene<< Fälle übernehmen“. Heilungen, die sie bei anderen Konkurrenten nicht sieht, erfordern bei diesen austherapierten Tieren demnach "effektivere“ Veränderungen als beim Ausschneiden zur Erhaltung der Situation“. 

Ergänzende Lektüre: Dr. Hiltrud Strasser / „Was spricht eigentlich gegen Hufbeschlag?“