Unterricht der Extraklasse

Christine Stückelberger trainiert auf Reitanlage in Henstedt-Ulzburg

Reitunterricht von einer Olympiateilnehmerin aus einer Zeit, in der klassische Werte bei der Ausbildung der Pferde noch zählten, hat Kristiane Hartwig auf der Anlage am Götzberg in Henstedt-Ulzburg organisiert: Christine Stückelberger aus der Schweiz korrigiert voller Hingabe Reiter mit Pferden, die Qualitäten für eine Zukunft im Viereck zeigen, kümmert sich aber genauso sorgfältig um die jungen Kandidaten, einen Spanier und ein Pony. Was die Vorsitzende der „Gesellschaft zum Erhalt und zur Förderung der klassischen Reitkultur“ namens Xenophon als Trainerin so wertvoll macht, ist ihr Ansatz, den Fehler nicht grundsätzlich beim Pferd zu suchen, sondern beim Reiter die Korrektur anzusetzen, und dafür hat Christine Stückelberger einen Fundus holistischer Erfahrungen: „Ich reite selbst so, nach ganzheitlichem Prinzip“. Genau das macht sie so glaubwürdig!

Mit Entsetzen hat Christine Stückelberger dieses Jahr erstmals in Warendorf die Bundeschampionate besucht, das „Schaufenster der Zucht“ für junge Pferde. Sie ist dafür bekannt, dass sie Reiter zur Rechenschaft zieht, die unsachgemäß mit Pferden umgehen. Da gab es für sie in Westfalen viel zu tun: sie berichtete vom Abreiteplatz, auf dem die jungen Talente an die Leistungsgrenzen gebracht und mit Sporen traktiert wurden. „Als ich den Reiter zur Rede stellen wollte, war der schnell verschwunden“, entrüstet sich die zierliche Frau, die zuletzt in Sydney bei Olympischen Reiterspielen aktiv war. Zur Wertung der Richter fand sie klare Worte für ihr Publikum am Götzberg: „Wir hätten oftmals eine andere gehabt“. Stückelberger traf sich in Warendorf mit internationalen Richterkollegen.

Die Vielfalt der Erfahrungen aus über fünfzig Jahren mit Pferden kamen an zwei Tagen nun Reitern unterschiedlichster Couleur aus dem Großraum Hamburg zugute. Christine Stückelberger versteht es wie kaum jemand sonst, die Ziele der klassischen Reitmeister zu erläutern und zum Wohl des Pferdes anzuwenden! Während häufig in Reithallen ein Sitz mit starren Regeln gepredigt wird – „die Hacken tief, Schulter und Hüfte müssen dazu in einer Linie bleiben“ – hört sich das bei ihr so an: „Für viele ist es problematisch, das Bein sanft ans Pferd zu bringen, weil Hüfte und Becken zu unbeweglich sind“. In ihrem Unterricht legt sie Wert darauf, dass die Pferde so wenig wie möglich in ihren Bewegungen gestört werden. „Der Sport geht leider in eine andere Richtung“, spart Christine Stückelberger nicht an Kritik für Ergebnisse wie bei der EM in Windsor.

„Die Schenkel sind nicht nur zum Treiben da, die Zügel nicht zum Ziehen“, ist ihr Anliegen, wenn einer ständig die Sporen ans Pferd bringt und den Anweisungen nicht folgt. Hinten stechen und vorne bremsen, das will sie nicht sehen, deshalb wiederholt die schlanke Frau in den grauen Hosen mit ihrem charmanten Akzent in jeder Einzelstunde geduldig, warum das Pferd die Beine des Reiters, sanft an den Bauch gelegt, als Sicherheit empfindet. Paraden zum Wechsel der Gangart möchte sie nicht ruckartig und hart erleben, sie achtet darauf, ob das Pferd dabei auf die Vorhand fällt oder sich der Reitlehre entsprechend vorn hebt und sanft zum Halten kommt: Die Übergänge zeigen die Durchlässigkeit, ob das Pferd die Hilfen versteht und annehmen kann.

Fehlt einem Pferd die Geschmeidigkeit, arbeitet Christine Stückelberger in der ersten Einheit zuerst daran, denn wenn ein Pferd nur brav die Lektionen abspult, fehlt es ohne Geschmeidigkeit an Ausstrahlung. „Dann ist das eben nur eine 7, wir wollen aber eine 8“, geht sie auf die Anforderungen ein, die Richter in der Prüfung stellen würden. Nach dem Lösen des Pferdes dient eine Volte an der Langen Seite dem Setzen des Hinterbeines unter den Schwerpunkt des Reiters. Mit solchen Übungen, genau zur richtigen Zeit, wird das Problem erkannt und im nächsten Moment auch gelöst. Das sieht dann ganz einfach aus, verdeutlicht die Zielsetzung der Lektionen aber sehr schön mit einfachsten Mitteln.

„Belohnen Sie Ihr Pferd“, mahnt Stückelberger immer wieder nach gelungener Übung, „hören Sie auf, bevor es müde wird, dann wird es morgen wieder freudig arbeiten“. Das Pferd gehe mit dem schlafen, was es zuletzt erlebt habe, plaudert die blonde Frau in der Mitte des Zirkels, mit Pferdeschwanz und Haarreifen, aus Vorträgen, die sie selbst hört, um weiter zu lernen; gerade jetzt kommt sie von einem über Angst bei Reitern. Ab und an holt die Schweizerin ihre Schüler zu sich und lockert mit ein, zwei Handgriffen das Reiterbein aus der Hüfte heraus, hebt hier einen Oberschenkel an oder legt dort eine Wade etwas nach Außen gedreht sanft ans Pferd. Im gleichen Atemzug wird Anatomie erklärt: „Wenn Sie mit dem Bein zu sehr quetschen und das Knie zu fest halten, drücken Sie dem Pferd auf Herz und Lunge“. Für ein Fluchttier bedeutet es Panik und es wird dem Reiter unter dem Sattel davonlaufen wollen. Die Kniekehle wird durch Schließen sanft zur Verminderung des Tempos bis zum Halten eingesetzt, lernen die Schüler.

Nicht müde wird Christine Stückelberger, obwohl ihr etwa alle halbe Stunde ein neues Paar vorgestellt wird. Jeder bekommt die Aufmerksamkeit, die nötig ist, passend auf Ziele und Ausbildungsstand beider abgestimmt. Sie achtet darauf, dass die Rückenmuskeln des Pferdes arbeiten, „der Rücken ist das wertvollste, das wir haben“, gibt einem Reiter mit Pferd, das unter Gastritis leidet, wie nebenbei den Tipp, es mal mit Quark zu versuchen und Stress zu vermeiden.

Häufige Plädoyers für einen flexiblen Zügel: „Weich mit der Hand, nicht starr! Wo steht, dass der Reiter immer ein Pfund auf der Kandare haben soll?“ und sie erklärt, wann eine hohe Hand nur kurz zur Aufrichtung dienen darf, dass die tiefe Hand dem Pferd aber Ruhe und Sicherheit gibt. „Wenn Sie beim Biegen das Auge des Pferdes sehen, ist es richtig“, der Ratschlag ist ganz praktisch umzusetzen.

Mancher Reiter hat seinem Pferd den Nasenriemen zu eng verschnallt. Christine Stückelberger sieht das und lockert die Schnalle, nicht, ohne dem Pferd über die Nase zu streichen und es anzusprechen. Ganz Pferdefrau eben. Verständnis und viel Lob verteilt sie, als ein Vierbeiner erschrocken die Zuschauer mustert, die er offensichtlich nicht erwartet hatte. „Mit einem verspannten Pferd zu arbeiten, hat keinen Sinn“. Wie wichtig Fitness nicht allein für Pferde ist, lernen Teilnehmer und Zuschauer gleich mit: „Richten Sie sich auf, sonst geht Energie verloren“. Stückelberger macht die eingerollte Haltung nach und zeigt dann auf die eigene Körpermitte: „Das ist unser Energiezentrum, verschließen Sie sich nicht“.

In der Bahn ist ein Fünfjähriger, die Reiterin klopft jeden Schritt mit den Beinen heraus. Geduldig und ruhig weist die Trainerin sie immer wieder hin, dass junge Pferde keine Sporen brauchen und der Einsatz ständigen Drucks vom Bein das Pferd abstumpfen wird. „Auf den Auktionen wird uns da ja so vorgemacht“, hat Stückelberger den Mumm zu aktuellen Vergleichen, was heute alles schief läuft. Feines Reiten unterrichtet sie, mit der Führung am äußeren Zügel und Stellung über den inneren. „Immer wieder abspielen“, ruft sie der Reiterin zu, und meint damit die kleinsten Bewegungen der Finger: „Druck kommt im Pferdemaul doch drei- oder vierfach an“. Der getragene Schweif ist das Zeichen für losgelassene Pferde, wie sie heute im Viereck auf Turnieren kaum noch zu sehen sind!

Beim ersten Lehrgangstag geht es um das Erkennen und Verbessern der Qualität von Pferden und Reitern, am zweiten Tag folgt das saubere Reiten der Lektionen. Nach dem sechsten Pferd, das ihr vorgestellt wird, fragt Christine Stückelberger erwartungsvoll, ob das nun endlich ein Holsteiner sei! Eine Stute mit Kaliber, hannoversch gezogen. „Da komme ich nach Holstein und sehe keine Holsteiner“, mokiert die Trainerin scherzhaft, lobt dann aber den Schritt der Stute und ist von dem Paar begeistert, weil die Reiterin das Pferd nicht stört: „Schöner Schritt, die gefällt mir“ und zum Publikum gerichtet: „Das sieht man heute nicht mehr bei Prüfungen, Schreiten am langen Zügel, absolutes Zeichen für Losgelassenheit“ . Auch dieses Paar wird mit den Aufgaben betraut, die es lösen kann, die Stute wird „mit guten Gedanken ins Bett gehen“. Zum Schluss einprägsam ein Appell von Christine Stückelberger an alle: „Die Pferde wären alle gescheit, wenn wir`s nur richtig machen würden, es liegt immer am Reiter“.

Karola Bady