Zwei Hände machen doppelt so viel Unfug

Die meisten Menschen halten sich Pferde, weil sie diese Tiere lieben und sie reiten wollen, das wurde bei der Theorie während des Special Events im Reithaus der Hofreitschule in Bückeburg deutlich. Wichtig ist dabei, dass sich ein passendes Paar findet und das Training entsprechend gestaltet wird, damit die Pferde wieder so alt werden, wie zu Zeiten des Antoine de Pluvinel: „Damals gab es weder Wurmkuren, noch Impfungen“, mahnt Christin Krischke bei ihrem Galopp durch die Jahrhunderte der Domestikation der Pferde, „auch keine Osteo- und Physiotherapie“. Trotzdem wurden sie 25 bis 30 Jahre alt. Das scheint nicht nur im Gegensatz zum Ehrgeiz der Sportreiter zu stehen, es ist ab und an sogar ratsam, sich nicht fortzubewegen, sondern das Pferd stillstehen und einfach atmen zu lassen! Dies rät Hofreitmeister Wolfgang Krischke, weil es ebenso für den Reiter gilt, der nach seinen Worten manchmal „mit zwei Händen mehr Unfug macht als mit einer“.


Nach der Begrüßung der rund 150 Zuschauer durch Christin Krischke und Vorstellung der beteiligten Gastreiter, führte sie charmant und doch manchmal recht provokant durch die Jahrhunderte, die das Pferd bereits neben und mit den Menschen lebt. Hinter ihr auf der Leinwand begleiteten Grafiken und Bilder den Vortrag, teils mit Darstellungen von Reitern und Pferden, wie es eben nicht sein sollte: die wohl bekannteste Springreiterin des Landes mit ihrem Pferd, das die Augen panisch nach oben rollt und das Maul voller Eisen hat, den Kopf hochreißt. In einem Atemzug lernte das Publikum die Pferdekiller Nr. Eins bis Vier: der Westernreiter, der sein Pferd fast ausschließlich am langen Band mit der Nase über dem Boden in berühmter vorwärts-abwärts Haltung „dehnt“, also auf der Vorhand überlastet. Die Überlastung der Gelenke, entzündete Knorpel, Arthritis und Arthrose durch falsches Training und Defizite in Zucht, Aufzucht und Fütterung der Pferde, schließlich der Gipfel, die Rollkur. Der vierte Killer ist die Gangverstärkung, referierte Christin Krischke, durch die der Zweitakt gestört und das Gangbild asymmetrisch wird: „Das kann auch ein Laie erkennen“.

Die Gegenmittel und Protagonisten für ein langes Pferdeleben liegen für die ganze Familie Krischke, auch Tochter Diana mit Studium der Pferdewissenschaften in Göttingen, nicht nur in der Reitlehre und der richtigen Interpretation der grundlegenden Heeresdienstverordnung (HDV) von 1912, sondern vor allem im Kampf gegen Unwissenheit, schlechte Ausbilder und falsche Abbildungen, die nach langen Jahren aus Gewohnheit als richtig
empfunden würden! Vor allem vermisst Christin Krischke das richtige und lobende Nachgeben am Zügel bei fast allen Reitern: „Das Ausbleiben einer Zügelhilfe kann da schon die Hilfe selbst sein“. Wolfgang Krischke demonstrierte, dass Barockreiten auch gebisslos funktioniert, wie der Gastredner Jeff Sanders: beide zeigten die Hohe Schule mit dem Bosal statt der Zäumung auf Gebiss.

Bei Fragen aus dem Publikum, die zu jeder Zeit willkommen waren, blieb Krischke schon mal fast die Spucke weg: „Wie können Sie die Pferde denn ohne Gebiss halten“? Er mag sich gefragt haben, wie die Einwirkung solcher Fragesteller auf das zarte Maul der Pferde wohl sei? Aber auch kluge Fragen waren dabei, die zeigten, dass manche mitgedacht hatten. Das höchste Ziel sei schließlich, so Christin Krischke, dass Pferde dem puren Gedanken folgen, was über den Einsatz Innerer Bilder erarbeitet werden kann. Dann reicht auch schon ein Impuls, ein leichtes Zupfen am Zügel, das Eindrehen einer Fußspitze ans Pferd statt des ganzen Beines, und die Pferde folgen voller Freude. „Freiheit auf Ehrenwort“ nennt sie es.


Besonders anschaulich wurde die Theorie, als die Reiter mit ihren Pferden die Bahn betraten und zu den Erklärungen der Referenten zeigten, wie es richtig läuft, aber auch, was ein falscher Sitz und unglücklich gegebene Hilfen beim Partner Pferd anrichten: Verwirrung und Unverständnis. Rebecca über Marcos: „Ich konnte fühlen, dass er dachte: was macht die da oben denn bloß?“– Der Schimmelhengst dachte sichtbar nach und bot Spanischen Schritt an. Verstört äppelte er in die Bahn, schüttelte verständnislos die herrliche Mähne. W. Krischke: „Das macht er sonst nie, er hat Stress“. Das war deutlich zu erkennen.


Quittenruten als Reitgerte senkrecht vor dem Oberkörper des Reiters, das ließ Zuschauer stutzig nachfragen. Der Sitz wird mit diesem Hilfsmittel verbessert, der Reiter empfindet das als Balancemittel und um gerade gerichtet zu bleiben, folgte geduldig die Erläuterung. So, wie die Reiter noch zur militärischen Grundausbildung von früher wegen des Säbels von links aufsteigen, bleibt beim Barockreiten die eine Hand frei und wird vor dem Bauch gehalten, zusammen mit der Quittenrute statt eines Säbels. Ständiges Umfassen beim Handwechsel sei nur hinderlich, vervollständigt der Hofreitmeister, und humorvoll hinterher: „Zwei Hände machen doppelt so viel Unfug wie eine“. Damit schließt sich ein weiterer Kreis.

Aus der Praxis:

Die vorgetragene Theorie wird im Reithaus stets mit der Praxis verbunden, wofür drei Reiter-Pferd-Paare das Team um den Gast aus Kalifornien, Jeff Sanders, ergänzten: Die Kombination Barockreiterin Rebecca mit Barockpferd Marcos, eine Umsteigerin von Western auf Barock, Tanja mit ihrer Appaloosastute, und der Barock ausgebildete Hengst Olymp mit dem vorher in kalifornischer Reitweise geschulten Michael im Sattel, jetzt Schüler von Christin Krischke. Die Routine des Aufwärmens, schon im Schritt die Versammlung zu erreichen, hilft Pferden, vom „brüchigen, kalten Knetgummi“ zur „weichen, formbaren Masse zu werden“, wie es Wolfgang Krischke mit jeweils bildlicher Darstellung ausdrückte.

Seitengänge, Schulter herein, Travers und Renvers gelingen besonders gut, wenn die Reiter in der Balance sitzen, dem Pferd mit einem kurzen, fast unmerklichen Aufstehen im Sattel und dem neu orientierten Hinsetzen signalisieren, dass eine andere Lektion an der Reihe ist. Dafür ist keine große Zügelführung nötig, war zu sehen, die Pferde wechselten mit richtigen Hilfen durch Schenkel und Gewicht flüssig und prompt von Travers zu Renvers. So entsteht irgendwann der Tanz. Wichtig sind vor allem der Blick und die Aufmerksamkeit des Reiters, nicht mit dem Pferdekopf gegen die Wand gerichtet zu sein, sondern beide in die Bahnmitte und Richtung blicken zu lassen, in die Weite, auf das Ziel.


Michael zeigte das mit Schimmelhengst Olymp ungewollt, da ihm der Hengst nicht recht folgen konnte, wenn sein Reiter auf den Hals oder Pferdekopf schaute. Nach der Korrektur und dem richtigen Blickwinkel ging Olymp wieder zufrieden und willig. Christin Krischke lobte vor allem die weiche Hand des Reiters, der dem Pferd nie schadete, obwohl er selten die Zügel in einer geschlossenen Faust hielt – oder gerade deshalb! „Sie können nachher gern durch unsere Ställe gehen und sehen, dass keins unserer Pferde Gallen oder andere Defizite hat, selbst die ältesten mit 22,23 Jahren nicht“, bot Wolfgang Krischke an.


Noch bessere Argumente, dass die vernünftige Ausbildung von Pferd und Reiter ein langes Leben ermöglicht, Gesundheit an Leib und Seele von Pferd und Reiter praktikabel macht, sind Tanja und ihre 14 jährige Appaloosa Stute. Selbst dieses von Rasse und Zuchtziel nicht gerade für die Hohe Reitkunst prädestinierte Pferd zeigte in kurzer Zeit Passage und Piaffe, dass noch Donnerhall hätte neidisch werden können! Vorher western geritten, hatte Tanja ihr Pferd schon fast abschreiben müssen, bevor sie vor zwei Jahren verzweifelt zu Krischkes in den Unterricht kam, um das lebensrettende Umdenken in die Praxis umzusetzen. Noch ein kurzer Rückschritt in die alten Gewohnheiten des Westernreitens hätte fast alles zerstört, was sich dieses Paar in der Zwischenzeit erarbeitet hatte. Tanja nickt bei diesen Worten nur, sackt ein wenig im Sattel zusammen und drückt dabei körperlich aus, dass sie sich schämte.

Genau das ist der Schlüssel zum besseren Reiten, den Krischkes ihren Schülern in die Hand geben: Zuerst kommt der Gedanke, das Innere Bild, der Körper wird folgen. Umdenken!
Fazit: Damit sind alle Reitweisen, ganz gleich welche, im Grundsatz mehr der Anatomie und Psyche der Pferde unterworfen, als alles andere. Die Ausbildung beider, Reiter und Pferd, folgt dem Sinn und Zweck, dem das wunderbare Wesen dienen soll, um sich seinen Platz in der Welt des Menschen zu erhalten.


All das zeigte auch Jeff Sanders in seiner Show und in seinem theoretischen Vortrag, der deutlich machte, dass Barock und Vaquero sich gar nicht so fremd sind. Vor allem Bilder der Achsen von Reiter und Pferd, von hinten gezeigt, machten deutlich, dass Pferd und Reiter in der Balance Eins werden können, noch immer! Reiten soll beiden Freude machen, das zeigten auch andere Schaubilder immer wieder: Die wundervolle Rappstute einer Reiterin, die auf ihren Auftritt wartete, zog mit Blick auf die Reitbahn noch die Augenwinkel fragend nach oben. Nach der Übungseinheit gelang ihrer Reiterin das erste Mal ein entspanntes Lächeln und gleich änderte sich auch das Gesicht der Stute, die darauf hinten links schonte und während der Worte des Hofreitmeisters entspannt die Augen schließen wollte.


Hofreitmeister Krischke schloss diesen Vortrag mit mahnendem Satz: „Ich höre von Polizeireitern, dass die ihre Pferde oft bis zu zehn Stunden irgendwo stehen lassen und dabei im Sattel bleiben“. Erst auf den dritten und inzwischen eindringlicheren Aufruf, endlich abzusteigen, reagierte die Reiterin mit einem Satz vom Pferd. Damit ist ja wohl bewiesen, dass die Reizleitungen beim Pferd oft schneller funktionieren und mancher auf dem Pferderücken seinem Ruf, die Krone der Schöpfung zu sein, nicht sofort gerecht wird….